Jiddu Krishnamurti

Jiddu Krishnamurti
Wir werden sehen wie wichtig es ist die radikale Revolution in den Köpfen der Menschen zu verursachen. Die Krise ist eine Krise des Bewusstseins. Ein Krise, die nicht mehr die alten Normen akzeptieren kann, die alten Muster, die uralten Traditionen. Wenn man in Betracht zieht, was die Welt jetzt ist, mit all dem Elend, den Konflikten, der zerstörerischen Brutalität, Aggressionen usw. Der Mensch ist immer noch wie er war. Er ist immer noch brutal, zerstörerisch, aggressiv, habgierig, wetteifernd. Er hat eine Gesellschaft darauf aufgebaut.

KOSMISCHE BOTSCHAFT an die Menschheit

KOSMISCHE BOTSCHAFT an die Menschheit
Klick das Bild an :) Wir befinden uns in einem Goldenen Zeitalter, in dem das universale Einheitsbewussstsein in uns erwachen kann, und uns Bedingungslose Liebe, Frieden, Wohlstand und Gesundheit ermöglicht. Aktuelle wissenschafftliche Erkennntnisse... Ξ~ We Are ⓞne ~Ξ

Dienstag, 25. Oktober 2016

Charles Eisenstein

Chapter 8
Aus diesem Grund misstraue ich ein wenig der üblichen Darstellung vom Klimawandel, der zufolge eine Reduktion von CO2 und anderen Treibhausgasen die höchste Priorität in Sachen Umwelt hat. Diese Darstellung bietet sich zu leicht für zentralisierte Lösungen und das Denken an, dass man nur eine bestimmte Größe maximieren (oder minimieren) müsse. Sie unterwirft all die kleinen lokalen Dinge, die notwendig sind, um die Welt schöner zu machen, einem einzigen Anliegen, für das alles andere geopfert werden muss. Das ist die Kriegsmentalität: ein einzig wichtiges Endziel bringt alle Bedenken über die angewendeten Mittel zum Schweigen und rechtfertigt jedes Opfer. Wir als Gesellschaft sind süchtig nach dieser Denkweise; deshalb wurde der Kalte Krieg vom Krieg gege n den Terror abgelöst, und wenn der Klimawandel seine Beliebtheit als Kriegsgrund verliert, werden wir sicher etwas anderes finden, das ihn ersetzt – etwa die Bedrohung der Erde durch einen Asteroiden – um die Kriegsmentalität zu legitimieren.

Die Kriegsmentalität, die rechtfertigt und erzwingt, dass alles für den Sieg aufgeopfert wird, ist auch die Mentalität des Wuchers. Wie ich in “Ökonomie der Verbundenheit” beschreibe, treibt ein Geldsystem, das wie unseres auf verzinsten Schulden basiert, das endlose Wachstum der Geldsphäre und die Umwandlung der Vielfalt in Einheitlichkeit – die Vielfalt von Werten in eine einheitliche Größe namens Wert – voran. Weil die Gesellschaft zunehmend monetarisiert wird, glauben ihre Mitglieder, dass Geld der Schlüssel für die Erfüllung aller Bedürfnisse und Sehnsüchte ist. Geld, das universelle Mittel, wird dadurch auch zu einem universellen Ziel. Genau wie das Paradies der technologischen Utopien oder der Endsieg im Kampf gegen das Böse wird es zu einem Gott, der unersättlich Opfer fordert. Auf der Jagd nach Geld geraten all die kleinen oder nicht-quantifizierbaren Handlungen und Beziehungen, die das Leben wahrhaft reich machen, aus dem Blickfeld, weil sie in Zahlen nicht auszudrücken sind. Wenn Geld das Ziel ist, kommt alles unter die Räder, was nicht in Geldbegriffe übersetzt werden kann.

Ähnliches bewirkt der Krieg, natürlich, oder jede andere Kampagne, bei der es um ein großes einheitliches Ziel geht. Wenn Sie einmal für die Weltrettung gekämpft haben, mussten Sie wahrscheinlich feststellen, dass Sie die kleinen Dinge, die das Leben reich machen, in ihrer Wichtigkeit zurückstuften bis sie ganz unter die Räder kamen. Vielleicht fragten Sie sich: “Was für eine Revolution unterstütze ich hier eigentlich? Für welch eine Lebensweise bin ich hier ein Vorbild?” Das sind wichtige Fragen! Wenn unsere Ahnung richtig ist, dass die Krise, mit der wir heute konfrontiert sind, ganz bis in den tiefsten Kern geht, dann können wir diese Fragen nicht einfach ignorieren.



Chapter 9 ~ Verzweiflung
Zwar verstehen viele Menschen, dass der Klimawandel mehr verlangt als eine rein technische Lösung durch die Anwendung alternativer Technologien, aber nur wenige würden sagen, dass jemand, der sich für die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe einsetzt, der Mitgefühl für die Obdachlosen hat oder sich um Autisten kümmert etwas Entscheidendes zur Rettung unserer Art beiträgt. Aber das liegt daran, dass wir noch kaum verstehen, was Interbeing ist. Ich möchte behaupten, dass alles, was gegen die Geschichte von der Separation verstößt oder sie stört, jede einzelne Folge dieser Geschichte heilen kann. Das gilt auch für kleine, unsichtbare Handlungen, von denen unser rationales, durch und durch logisches Denken glaubt, sie könnten unmöglich etwas bewirken. Und das gilt auch für die Dinge, die den großen Weltrettungskampagnen zum Opfer fallen.

Kürzlich sprach ich mit Kalle Lasn, dem Gründer des radikalen Magazins Adbusters, ein Mann, der sein ganzes Leben dem Aktivismus in Theorie und Praxis gewidmet hat. Er erzählte mir, dass er nun schon seit einiger Zeit nicht viel für die Politik oder für sein Magazin getan habe, weil er gerade seine fünfundneunzigjährige Schwiegermutter pflegte. Er sagte: “Dass ich mich um sie kümmere, ist für mich viel wichtiger als alles andere, was ich bisher getan habe, zusammen.”

Kalle stimmte mir zu, als ich meinte: “Unsere Weltsicht muss sich erst darauf einstellen, wie wahr und wichtig das ist.” Meine liebe Leserin, mein lieber Leser, können Sie sich eine Realität vorstellen, in der wir unsere fünfundneunzigjährige Schwiegermutter vernachlässigen müssen, um die Welt zu retten? In unserer Vorstellung vom Funktionieren unseres Universums muss es einen Platz für die intimen, nicht-kalkulierten, dienenden Handlungen geben, die ein so schöner Aspekt unserer Menschlichkeit sind. 

Sollte Kalle seinem Gefühl trauen, dass er etwas Wesentliches leistet, wenn er diese alte Frau pflegt?

Wissen Sie nicht ganz tief drinnen, dass jedes Glaubenssystem, das die Bedeutsamkeit dieser Entscheidung nicht anerkennt, Teil des Problems sein muss?

Könnten Sie es ertragen in einer Welt zu leben, in der das, was Kalle tut, nicht wichtig ist? 

Wir können die Tätigkeiten, die die weltverschlingende Maschine am Laufen halten, nur dann weiter verrichten, wenn wir dieses Gefühl von Bedeutsamkeit unterdrücken.

Wir zwingen uns selbst, im Namen der Zweckmäßigkeit Dinge zu tun, die uns irgendeine abstrakte Überlegung vorgibt. Gelegentlich kann diese “Zweckmäßigkeit” bedeuten: “was das Ökosystem heilt, soziale Gerechtigkeit bringt und das Überleben der Menschheit fördert,” aber in den meisten Fällen und für die meisten Menschen hat Zweckmäßigkeit mit Geld zu tun oder mit anderen Dingen, die Sicherheit und Bequemlichkeit versprechen. Und Geld entsteht in unserem jetzigen System dadurch, dass wir uns an der Umwandlung von Natur in Waren, von Gemeinschaft in Märkte und von Beziehungen in Dienstleistungen beteiligen. Wenn Ihr Herz nicht für diese Dinge schlägt, werden Sie feststellen, dass Zweckmäßigkeit oft dem Drang des Herzens widerspricht.

Das Problem geht aber über eine eigennützige Auffassung von Zweckmäßigkeit hinaus. Es reicht hinunter bis zum Verständnis von Ursache und Wirkung, das ihm zugrunde liegt. Das Drängen des Herzens widerspricht möglicherweise nicht nur dem Diktat des Geldes, es widerspricht vielleicht auch der instrumentalistischen Logik überhaupt.

Das soll nicht heißen, dass wir das Denken und die Logik außer Acht lassen sollten, wenn wir versuchen zweckmäßige Veränderungen in der Welt zu bewirken, genauso wenig wie wir die Technik aufgeben sollten oder die Literatur oder eine andere Frucht unserer jahrtausendelangen Reise in die Separation. Die Werkzeuge der Kontrolle, die Anwendung von Kraft und Vernunft haben gewiss ihren Platz. Die Menschheit ist von der Natur nicht ausgenommen: Mit unseren Fähigkeiten können wir, wie jede andere Spezies auch, einen einzigartigen Beitrag für das Wohlergehen und die Entwicklung des Ganzen leisten. Wir müssen nur unsere Fähigkeiten in diesem Geiste nutzen; stattdessen nutzten wir sie bisher, um zu beherrschen und zu erobern, wir schwächten die Kraft Gaias und all ihrer Geschöpfe und schwächten so auch uns selbst. Jetzt haben wir die Möglichkeit unsere einzigartigen menschlichen Fähigkeiten zu transformieren: aus Werkzeugen der Herrschaft Werkzeuge des Dienens zu machen.

Vielleicht denken Sie es sei gefährlich Verzweiflung zu säen, selbst wenn ich die Wahrheit sage. Aber die Verzweiflung ist da, ob ich sie säe oder nicht. Alle Aktivisten, die ich befragte, bestätigen, dass sie früher oder später genau mit dieser Verzweiflung konfrontiert waren, die ich hier wachrufe. Wir versuchen, sie durch Gedankengänge wie den folgenden zu überspielen: “Klar wird es nichts bringen, wenn du der Einzige bist, der etwas ändert, aber wenn jeder es macht, dann wird sich die Welt verändern.” Richtig, aber liegt es in Ihrer Macht, alle dazu zu bringen? Nein. Was Sie tun würde eine Rolle spielen, wenn es jeder täte; umgekehrt spielt dann das, was Sie tun, auch keine Rolle, wenn es nicht jeder andere auch tut. Mir ist es nie gelungen einen Ausweg aus diesem Dilemma innerhalb seiner eigenen Logik zu finden. Es ist so solide wie seine Voraussetzungen: das vereinzelte Selbst in einer objektiven Welt. Schlimmer noch: Manche würden sagen, dass unsere individuellen Bemühungen lokal zu kaufen oder Müll zu recyceln oder Rad zu fahren sogar kontraproduktiv sind, weil sie uns fälschlicherweise selbstgefällig machen und dadurch effektivere revolutionäre Handlungen schwächen; und weil sie nichts daran ändern, dass die viel größeren Zerstörungsmechanismen weiter am Werk sind. Wie Derrick Jensen sagt: duschen Sie nicht kürzer.


Ich glaube es ist besser, die Verzweiflung nicht zu verschleiern, weil die wirkliche Hoffnung erst auf der anderen Seite davon liegt. Die Verzweiflung ist Teil des Terrains, das wir durchqueren müssen. Bevor wir nicht die andere Seite erreichen, wiegt die Verzweiflung schwer in unseren Herzen, während wir weiterkämpfen und nie ganz davon überzeugt sind, dass wir wirklich etwas Gutes tun. So stark unser Geist auch ist, am Ende geraten unsere Bemühungen ins Taumeln, unsere Energie erlahmt, und wir geben auf. Vielleicht lässt uns persönlicher Ehrgeiz noch eine Weile weitermachen, wenn wir das Selbstbild aufrechterhalten wollen, dass wir ethisch und bewusst handeln, und dass wir “Teil der Lösung” sind. Aber diese Motivation ist nicht fest genug um uns den Mut, die Hingabe und das Vertrauen zu geben, die wir brauchen. 

Wahrer Optimismus kommt erst, wenn man das Terrain der Verzweiflung durchquert und sich darauf eingelassen hat; wenn man das ganze Ausmaß der Krise kennt und sich auch über die Kräfte, die der Heilung im Wege stehen, im Klaren ist. Bei meinen Vorträgen treten mir manchmal Menschen entgegen und belehren mich, dass die Machtelite mit ihrer Propagandamaschinerie die Finanzen und die Politik in ihrer Gewalt hat oder sogar über Technologien der Bewusstseinskontrolle verfügt. Sie glauben ich wüsste nichts darüber oder ignorierte mutwillig, wie unser System in Wirklichkeit funktioniert. Oder sie sprechen von der Apathie der Massen, von der Gier und Ignoranz der Menschen, die es einfach nicht kapieren, und sagen, es sei unwahrscheinlich, dass man sie je ändern könnte. Das alles gehört zum Terrain der Verzweiflung, mit dem ich innig vertraut bin. Es ist nicht so, dass ich vor der blanken Wahrheit zurückgeschreckt bin, weil ich sie nicht ertragen kann. Der Optimismus liegt erst auf der andern Seite, und die Hoffnung ist sein Vorbote.

A Free Man’s Worship” von Bertrand Russell
        "Dass der Mensch ein Produkt der Ursachen ist, die keine Voraussicht auf das Ziel besaßen, das sie anstrebten; dass sein Ursprung, seine Entwicklung, seine Hoffnungen und Ängste, seine Liebe und sein Glauben nichts als das Ergebnis zufälliger Anordnungen von Atomen sind; dass kein Feuer, kein Heldenmut, keine Intensität von Gedanken oder Gefühl ein einzelnes Leben über das Grab hinaus bewahren kann; dass all die Mühen der Jahrhunderte, all die Hingabe, all die Inspiration, all die Momente des taghell strahlenden menschlichen Genies der Vernichtung durch den Tod des Sonnensystems geweiht sind, und dass der ganze Tempel der menschlichen Errungenschaften unvermeidlich begraben werden muss unter dem Schutt eines Universums in Ruinen – all diese Dinge, wenn sie nicht überhaupt außer Frage stehen, sind doch zumindest annähernd so sicher, dass keine Philosophie, die sie zurückweist, Hoffnung auf Bestand hat. Nur im Gerüst dieser Wahrheiten, nur auf der festen Grundlage der unnachgiebigen Verzweiflung kann hinfort eine Heimstatt der Seele sicher gebaut werden."



Chapter 10 
Möglicherweise haben viele meiner Leserinnen und Leser immer noch eine weite Strecke durch das Terrain der Verzweiflung zurückzulegen, bevor sie sich ganz auf die neue Geschichte einlassen können. Ich weiß das gilt auch für mich. Aber trotzdem gewinnen wir, die wir stückchenweise das Terrain der Verzweiflung hinter uns lassen, das Vertrauen und den Mut Dinge zu tun, die im Rahmen der alten Geschichte sinnlos sind. Diese Erkenntnis ist befreiend. So viele Menschen unterdrücken ihr Potential, weil sie meinen, sie müssten etwas Großes damit tun. Was man selber tut, ist nicht genug, man muss schon ein Buch schreiben, mit dem man Millionen Menschen erreicht. Wie schnell gerät das zu einem Wettkampf darum, wessen Ideen gehört werden. Wie sehr entwertet das die kleinen, schönen Gesten und Bemühungen so vieler Menschen; entwertet paradoxerweise genau diese Dinge, die wir im großen Maßstab zu tun beginnen müssen, um einen lebenswerten Planeten aufrechtzuerhalten. Wieder und wieder fragen mich junge Leute: “Ich würde mich wirklich gerne mit Permakultur beschäftigen – aber habe ich nicht die Verantwortung etwas Größeres als nur das zu tun?” Ich antworte, dass diese Entscheidung nur aus der Perspektive der Separation gering erscheint. Aus der Sicht des Interbeing ist ihre Entscheidung nicht weniger wichtig als eine Entscheidung des Präsidenten.

Die Logik der Separation hält uns in einem Paradox gefangen. Die Welt kann sich nur ändern, wenn Milliarden von Menschen andere Lebensentscheidungen treffen, aber auf individueller Ebene spielt keine dieser Entscheidungen eine Rolle. Die Dinge, auf die es ankommt, bewirken nichts. Was, wenn nur ich sie tue aber sonst niemand? Gewiss sieht es danach aus als wäre ich allein damit. Warum sie dann überhaupt tun?

Ich will hier nicht suggerieren, dass wir diese kleinen Dinge tun sollten, weil sie auf mysteriöse Weise die Welt ändern werden (obwohl sie das tun). Ich schlage eher vor, dass wir uns mehr danach orientieren sollten, woher unsere Entscheidungen kommen als danach, worauf sie abzielen. Die neue Geschichte bestätigt und veranschaulicht unsere Entscheidungen, aber die Motivation dafür kommt von woanders. Denn woher können wir schließlich wirklich wissen, was die Auswirkungen unserer Handlungen sein werden? Die Komplexitätstheorie lehrt uns, dass in dem chaotischen Bereich zwischen zwei Attraktoren geringe Störungen gewaltige, unvorhersehbare Auswirkungen haben können. Wir sind heute an solch einem Punkt. Unsere Zivilisation nähert sich einem Phasenübergang. Wer kann die Auswirkungen unserer Handlungen vorhersagen? Ein Polizist gibt einem barfüßigen obdachlosen Mann ein Paar Stiefel, eine unscheinbare Geste der Freundlichkeit. Wie konnte er wissen, dass ihn jemand fotografierte, und dass seine Handlung bei einer Unzahl von Menschen ein Gefühl von Güte und Freundlichkeit wachrufen würde? Der Mann verkauft dann die Stiefel um Drogen zu kaufen, was den Zynismus von weiteren Tausenden anfacht. Ob sichtbar oder unsichtbar, Handlungen von großem Vertrauen, Handlungen, die aus einer Grundhaltung kommen, die tief in der Wiedervereinigung verankert ist, senden wirksame Wellen hinaus in das Gefüge der Kausalität. So oder so, vielleicht über Wege, von denen wir nichts wissen, finden sie einen Weg an die Oberfläche der sichtbaren Welt.

Als meine Kinder noch klein waren, gingen sie in einen Montessori Kindergarten. Nie zuvor oder danach habe ich eine Schule gesehen, die so voll von Liebe, Lachen und Freundlichkeit war. Die Erzieherinnen behandelten die Kinder mit tiefem, ehrlichem Respekt ohne sie je zu bevormunden oder zu etwas zu zwingen, ohne sie mit Lob oder Tadel zu manipulieren. Dadurch ermöglichten sie ihnen zu erfahren was bedingungslose Liebe ist. Diese Kindergartenzeit ist jetzt nur mehr eine nebelhafte Erinnerung für die jungen Menschen, die von dort aus in die harte, erniedrigende Welt der Separation hinausgingen, aber vor meinem geistigen Auge sehe ich einen kleinen goldenen Schimmer in ihnen, und in diesem Schimmer sehe ich ein Samenkorn. Es ist der Same von bedingungsloser Liebe und Respekt, die sie dort erfuhren, und er wartet auf eine Gelegenheit zu keimen und zu blühen und die gleiche Frucht, die meine Kinder erhielten, an andere weiterzugeben, denen sie begegnen. Vielleicht sind ein oder zwei Kindergartenjahre nicht genug um die brutale Maschinerie der Separation zu überwinden, die eine Kindheit heute prägt, aber wer kann schon wissen, wann und wie diese Erfahrung Knospen treiben wird? Wer weiß schon, welche Auswirkungen sie haben wird? Ein oder zwei Jahre während eines so entscheidenden Lebensstadiums an einem Zufluchtsort voll Liebe und Respekt zu sein prägt einen Menschen, verleiht ihm eine Neigung zu Mitgefühl, Sicherheit, Selbstliebe und Selbstrespekt. Wer kann schon wissen wie diese Prägung die Entscheidungen des Kindes in seinem späteren Leben verändern wird? Wer kann schon wissen, wie diese Entscheidungen die Welt verändern werden?



Chapter 11: Morphogenese
Ohne Zweifel werden einige von Ihnen jetzt denken: “Der Eisenstein meint offenbar, dass globale Erwärmung, Imperialismus, Rassismus und der ganze Rest an katastrophalen Problemen, die den Planeten bedrohen, sich magisch von selbst auflösen, wenn jeder sich nur darauf konzentriert, seine oder ihre Großmutter zu pflegen und im Park Müll aufzulesen. Er fördert eine gefährliche Passivität, eine Selbstzufriedenheit, die die Menschen glauben lässt, sie täten etwas Nützliches, während die Welt in Flammen steht.” Die letzten paar Kapitel sollten es eigentlich klar gemacht haben, dass es nicht das ist, was der Eisenstein denkt, aber nur um ganz sicher zu gehen, lassen Sie mich diese Kritik direkt beantworten; schließlich habe ich sie nicht nur von anderen gehört sondern sogar noch häufiger in meinem eigenen Kopf.

Erstens schließen die persönlichen, lokalen, unsichtbaren Taten, von denen ich schrieb, andere Handlungen nicht aus, zum Beispiel ein Buch zu schreiben oder einen Boykott zu organisieren. Auf den Ruf des Augenblicks zu hören und auf seine Richtigkeit zu vertrauen stärkt die gleiche Haltung gegenüber den größeren Dingen. Ich spreche von einer umfassenden Bewegung hinein in einen Zustand des Interbeing, von dem aus man in jeder Situation handelt. Das Universum ruft in unterschiedlichen Situationen nach verschiedenen Fähigkeiten in uns. Wenn es ein Ruf nach dem Kleinen und Persönlichen ist, dann nehmen wir ihn wahr, damit wir uns daran gewöhnen und ihn dann auch erkennen, wenn es ein Ruf nach dem Großen und Öffentlichen ist. Hören wir doch nicht mehr auf die Logik der Separation, die das Kleine und Persönliche entwerten würde.

!!! <3 
Als meine beiden älteren Kinder noch klein waren, lebte ich einige Jahre als nichtberufstätiger Vater und versuchte mitten in einer Welt aus Windeln und Lebensmitteln mein erstes Buch zu schreiben. Ich war oft furchtbar frustriert und quälte mich selbst mit Gedanken wie: “Ich habe der Welt so wichtige Dinge mitzuteilen, und jetzt stehe ich da und wechsle Windeln und koche den ganzen Tag.” Diese Gedanken lenkten mich von der naheliegenden Aufgabe ab und führten dazu, dass ich im Umgang mit meinen Kindern viel weniger präsent war. Ich verstand damals noch nicht, dass die Momente, in denen ich mich in meine Situation fügte, das Schreiben beiseite schob und mich ganz meinen Kindern widmete, einen genauso starken Einfluss auf das Universum hatten wie jedes Buch, das ich schreiben würde. Wir haben nicht immer den Blick dafür, aber alles hat seine karmischen Auswirkungen, oder wie es die Gläubigen im Westen sagen: Gott sieht alles.

Stellen Sie sich vor, Sie lägen am Sterbebett und blicken auf Ihr Leben zurück. Welche Momente werden Ihnen die wertvollsten sein? Für welche Entscheidungen werden Sie am dankbarsten sein? Für Patsy wird es viel eher sein, dass sie Mrs. K. sauber gemacht hat als irgendein Verkaufsabschluss, der ihr einmal gelungen war. Für mich wird es sein, dass ich Jimi und Matthew in ihren Spielzeugautos den Hügel hinauf geschoben habe, mehr als irgendeine öffentliche Leistung, die ich zu verzeichnen habe. Auf meinem Sterbebett werde ich für jede Entscheidung für Verbundenheit, Liebe und Hingabe dankbar sein.

Können Sie ein Universum gut heißen, in dem diese Erkenntnisse am Sterbebett falsch sind? Können Sie ein Universum gut heißen, in dem wir uns selbst hart machen müssen, um diese Dinge zu vernachlässigen, damit wir uns effizienter dem Weltrettungsgeschäft widmen können?

Sehen Sie auch, dass es genau diese Verhärtung zur Überwindung unserer eigenen Menschlichkeit war, die uns überhaupt erst in dieses Schlamassel gebracht hat?




Chapter 14 - Geist
Warum versuchen wir so verzweifelt der materiellen Welt zu entkommen? Ist sie wirklich so trostlos? Oder könnte es nicht eher sein, dass wir sie so trostlos gemacht haben: dass wir mit unseren ideologischen Scheuklappen ihr strahlendes Mysterium nicht sehen, dass wir durch unsere Kategorien ihre mannigfaltige Verbundenheit in Stücke gehackt, ihre spontane Ordnung zugepflastert, ihre unendliche Vielfalt auf unsere Waren reduziert, ihre Ewigkeit durch unsere Zeitmessung zersplittert und ihren Überfluss durch unser Geldsystem dementiert haben? Wenn dem so ist, dann sind wir auf der falschen Spur, wenn wir uns von einer nicht-materiellen, spirituellen Sphäre die Erlösung aus dem Gefängnis der materiellen Welt erhoffen.

Die Aktivisten liegen richtig, wenn sie solchen Versuchen gegenüber skeptisch sind. Wenn das Heilige außerhalb der materiellen Welt zu finden wäre, warum sollte man sich dann überhaupt um das Materielle kümmern? Wenn die Interessen der Seele den Interessen des Fleisches entgegen stehen, warum sollte man dann versuchen, die Welt des Fleisches, die gesellschaftliche und materielle Welt, zu verbessern? Spiritualität wird zu dem, was für Marx die Religion war: Opium fürs Volk, eine Ablenkung von den ganz realen materiellen Problemen, vor denen unser Planet steht.

Ich kann verstehen, warum er so dachte. Seit mittlerweile langer Zeit haben sich die in praktischen Projekten engagierten Aktivisten über die spirituell Suchenden lustig gemacht. “Runter von euren Meditationskissen und an die Arbeit! Da ist Leid wohin man schaut. Ihr habe Hände, ein Gehirn, Ressourcen. Macht etwas gegen das Leid!” Wenn das Haus niederbrennt, sitzt ihr dann auch nur meditierend da und visualisiert kühle Wasserfälle, um das Feuer mit der Kraft der Manifestation zu löschen? Nun, das metaphorische Haus um uns herum brennt gerade nieder: Die Wüsten breiten sich aus, die Korallenriffe sterben, und die letzten Indigenen werden zu Grunde gerichtet. Und ihr seid mittendrin in all dem und versenkt euch in den kosmischen Klang OM. Aus dieser Perspektive ist Spiritualität eine Art Eskapismus.


Auf diese starke Kritik kontern die spirituellen Leute mit einer ebenbürtigen Erwiderung. “Wie wollt ihr ohne gründlich an euch selbst zu arbeiten vermeiden, eure eigene internalisierte Unterdrückung in allem was ihr tut nachzubilden?” So oft sehen wir genau den gleichen Machtmissbrauch und genau die gleichen organisatorischen Fehlfunktionen bei den Aktivisten für sozialen Wandel, wie in den Institutionen, die sie verändern wollen. Gesetzt den Fall diese Aktivisten könnten sich tatsächlich durchsetzen, warum sollten wir erwarten, dass die Gesellschaft, die sie erschaffen, plötzlich anders sein würde? Solange wir nicht transformativ an uns selbst gearbeitet haben, werden wir Produkte genau derjenigen Zivilisation bleiben, die wir verändern wollen.
Wir müssen unsere eigenen Gewohnheiten zu denken, zu glauben und zu handeln verändern und mit ihnen auch unsere Systeme. Jede der Ebenen beeinflusst die andere: Unsere Gewohnheiten und unsere Meinungen bilden den psychischen Unterbau unseres Systems, das im Gegenzug in uns entsprechende Meinungen und Angewohnheiten hervorbringt. Darum werden politische Aktivisten und spirituelle Lehrer gleichermaßen missverstanden, wenn die ersteren sagen: “Es ist eine frivole, hemmungslose Ausflucht euch darauf zu konzentrieren euer Mangelbewusstsein zu ändern, wenn der systemische Zwang von realem Mangel, der über Leben und Tod entscheidet, weiterhin Milliarden unterdrückt, egal was Ihr denkt oder wie ihr euch zu leben entscheidet.” Und die anderen sagen: “Arbeitet nur an euch selbst, und die Welt um euch herum wird sich verändern. Flüchtet euch nicht vor den realen, persönlichen Themen, indem ihr das Problem auf die Gesellschaft, das politische System, die Konzerne etc. projiziert.”

Diese beiden Lager sind dazu bestimmt Verbündete zu sein, und tatsächlich wird keines ohne das andere Erfolg haben. Je mehr Menschen eine Haltung der Dankbarkeit, der Großzügigkeit und des Vertrauens annehmen und das auf Angst basierende Denken zu einem gewissen Grad hinter sich lassen, desto eher wird das gesellschaftspolitische Klima für die radikale Reform offen sein, die die Werte des Interbeing umsetzen wird. Und je mehr sich unser System dahingehend verändert, dass es diese Werte verkörpert, desto leichter wird es für die Menschen, den persönlichen Wandel zu vollziehen. Heute schreit uns unser wirtschaftliches Umfeld ins Gesicht: “Knappheit!”; unser politisches Umfeld grölt: “Wir gegen die”; unser medizinisches Umfeld brüllt: “Habt Angst!” Und zusammen halten die drei uns allein und in Angst vor einer Veränderung.

Auch auf der mittleren Ebene, der von Familie, Gemeinschaft und dem Lebensumfeld, verstärkt unsere gesellschaftliche und materielle Umwelt die Separation. Wie wir da in Kernfamilien in isolierten Gehäusen leben, das Lebensnotwendige von anonymen Fremden kaufen und für unsere Versorgung überhaupt nicht auf das Land um uns herum angewiesen sind, wird die Separation schon in unserer grundlegenden Weltauffassung unterstellt. Deshalb könnten wir sagen, dass jedes Bestreben, diese Umstände zu verändern, spirituelle Arbeit ist.


Ebenso ist jede Bemühung, die Grundwahrnehmungen der Menschen von der Welt zu verändern politische Arbeit. Welche Menschen suchen in den sich ausbreitenden Vororten Zuflucht? Welche Menschen arbeiten in Jobs, die kein anderes Verlangen befriedigen außer jenem nach Sicherheit? Welche Menschen sehen tatenlos zu, wie ihre Nation einen ungerechten Krieg nach dem anderen führt? Die Antwort ist: Ängstliche Menschen. Entfremdete Menschen. Verletzte Menschen. Darum ist spirituelle Arbeit auch politisch, wenn sie Liebe, Verbundenheit, Vergebung, Toleranz und Heilung verbreitet.

Wenn wir nicht mehr eine starre Unterscheidung zwischen eigen und fremd aufrechterhalten, dann erkennen wir, dass die Welt das Selbst widerspiegelt; dass, um an sich selbst zu arbeiten, Arbeit an der Welt notwendig ist, und dass es für eine effektive Arbeit an der Welt notwendig ist, an sich selbst zu arbeiten. Wohl gab es immer schon spirituelle Praktiker, die politisch aktiv waren und politische Aktivisten mit einer tiefen Spiritualität, aber jetzt wird die Anziehungskraft jeder der beiden Sphären auf die andere unwiderstehlich. Immer mehr gesellschaftspolitische Aktivisten und Umweltaktivisten wenden sich auf eine viel persönlichere Art gegen die populären Ansichten. Die Unterstützer von Occupy werden wahrscheinlich auch bindungsorientierte Elternschaft gut heißen, Meditation praktizieren und alternative Medizin nützen. Die Hippies und die radikalen Achtundsechziger finden zueinander.



Chapter 15
Keine Sorge, ich habe nicht vor, meinen Optimismus an die Hoffnung zu knüpfen, dass uns irgendeine Wundertechnologie retten werde. Wenn es die Technologie wäre, die uns retten kann, dann hätte sie das schon getan. Wir haben schon lange die Technologien für ein nachhaltiges Leben in Fülle auf diesem Planeten, aber wir nutzten sie für andere Zwecke. Mit vollkommen unumstrittenen Technologien könnten wir in einem Paradies auf Erden leben: Ressourcenschonung und Energieeinsparung, Recycling, umweltfreundliches Design, Solarenergie, Permakultur, biologische Abwasserbehandlung, Fahrräder, reparaturfreundliches Design, lange Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit, und so weiter.iii Das alles sind Technologien, die schon existieren, und das großteils schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Es braucht gar keine neuen Wundertechnologien. Allerdings ist eine andere Art von Wunder notwendig, damit diese schon vorhandenen Technologien ihr Versprechen einlösen können: ein gesellschaftliches oder politisches Wunder. Das ist es, was es brauchte, um die Abholzung rückgängig zu machen, die Treibhausgas-Emissionen zu drosseln, zerstörte Wasserläufe wiederherzustellen und all die rechtlichen, sozialen und ökonomischen Hindernisse der Veränderung aus dem Weg zu räumen. Wir bräuchten zweifellos ein anderes Geldsystem und daher eine radikale Umstrukturierung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse und Privilegien. Es bedürfte eines kompletten Verzichts auf Militarismus und alle dahinterliegenden Glaubenssysteme. Es erforderte, dass Millionen Menschen zurück aufs Land ziehen und hoch produktive, arbeitsintensive Landwirtschaft in kleinem Maßstab betreiben. Technologisch machbar? Sicher. Politisch realistisch? Wohl kaum.

Obwohl die Wissenschaft, wie wir sie kennen, von zentraler Bedeutung für das jahrhunderte- oder jahrtausendelange Programm, die Natur zu beherrschen ist, obwohl ihre Methode Wissen zu erlangen genau das Paradebeispiel für das “Zum-Anderen-Machen” der Natur und das “Zum-Objekt-Machen” der Welt ist, sind oft gerade die wissenschaftlich orientierten Menschen glühende Umweltschützer und Verfechter der Bürgerrechte oder der Gleichbehandlung von Homosexuellen und anderer Einstellungen voll Mitgefühl. Das ist ein Beispiel für ein allgemeines Prinzip: Unser Eintreten in die neue Geschichte geht ungleichmäßig vor sich. In einem Lebens- oder Gedankenbereich haben wir vielleicht alle Überreste der Separation überwunden, während wir in einem anderen Bereich völlig blind dafür sind. Ich kann nicht aufhören, mich darüber zu wundern. Jemand hat etwa ein tiefes Verständnis von den inneren und äußeren Instanzen, von Rassismus, Sexismus, Klassismus und Kolonialismus, aber er hat keine Ahnung, dass westliche Medizin und zu einem gewissen Grad die Wissenschaft selbst auch zu diesen Instanzen gehören. Oder ich gehe zu einer Konferenz über traditionelle Ernährung, wo die Menschen gründlich verstehen, wie korrupt unser Ernährungssystem ist, wie es das Land, die Gesundheit und die Gemeinschaft zerstört, aber sie sind sich nicht bewusst, dass das Schulsystem großteils das Gleiche macht. Sie zitieren Studien, in denen der Zusammenhang zwischen Ernährung und der Schulleistung korreliert wurde und sagen: “Hätten die Kinder bloß eine bessere Ernährung, dann könnten wir ihre schulischen Leistungen verbessern,” und sie gehen davon aus, dass es ein Zeichen für ein gesundes Kind sei, in der Schule aufzupassen und gute Noten bei Tests zu schreiben. Aber wenn uns bewusst wird, was für eine Konditionierungsanstalt das Schulsystem ist, das den Kindern Gehorsam gegenüber Autoritäten, Passivität und das Erdulden von Langeweile um externer Belohnungen willen anerzieht, beginnen wir, die schulische Leistung als Maß für das Wohlbefinden in Frage zu stellen. Vielleicht ist ein gesundes Kind eines, das sich der Beschulung und Standardisierung widersetzt, nicht eines, das sich darin besonders hervortut. Dann gehe ich auf eine Konferenz über Bildung, wo die Menschen das verstehen, aber (nach dem Essen, das dort verzehrt wird und dem Gesundheitszustand der Teilnehmer zu urteilen) wenig Bezug zu ihrem Körper haben oder sich kaum im Klaren darüber sind, dass das Ernährungssystem genauso korrupt ist, wie das Erziehungssystem. Und fast überall, wo ich hingehe, egal wie radikal das Publikum über Landwirtschaft oder Erziehung oder Sexualität oder Politik diskutiert, wenn es ihre Gesundheit betreffend hart auf hart kommt, dann gehen sie zu einem konventionellen Arzt.

Lange Zeit arbeiteten Aktivisten auf diesen und vielen anderen Gebieten isoliert in ihren Zellen, so, als hätten sie es mit einzelnen, irregulären Übeln in einem System zu tun, das trotz einiger Probleme im Großen und Ganzen solide ist. Es war nicht offensichtlich, dass sich jemand, der sich zum Beispiel für eine Gefängnisreform einsetzt, mit einer anderen Facette derselben Sache beschäftigt wie jemand, der sich der biologischen Landwirtschaft widmet. Zum Glück ändert sich das jetzt. Eine schleichende Radikalisierung setzt ein, wenn die Menschen die wechselseitige Verbundenheit all unserer Systeme und Institutionen, sowie deren Mitschuld an der Aufrechterhaltung der herrschenden Narrative erkennen. Das Gefängnissystem, wie wir es kennen, beruht auf den gleichen Ansichten, die auch unserem Ernährungssystem, dem Bildungssystem und dem medizinischen System zugrunde liegen. Sie alle stützen sich auf die gleiche politische Mentalität, die gleichen wirtschaftlichen Mechanismen und die gleiche Art von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Sie entspringen (und tragen bei zu) der gleichen psychologischen Disposition, man könnte auch sagen: dem gleichen Seinszustand. Deshalb breitet sich die schleichende Radikalisierung, von der ich spreche, letztendlich auch auf den spirituellen Bereich aus, womit ich – wieder – nicht etwas Jenseitiges meine, sondern den Bereich, der sich mit den fundamentalen Fragen “Wer bin ich?”, “Was ist der Sinn des Lebens?” und so weiter befasst.
 
In diesem Kapitel hat wahrscheinlich jeden irgendetwas unangenehm berührt. Wenn die Dinge auseinanderfallen, halten wir Ausschau nach einem schützenden Unterstand, einer vertrauten Institution, auf die wir uns verlassen können als einen Hort des Guten und Wahren. In diesem Zeitalter gibt es so etwas nicht: nicht die Wissenschaft, nicht die Erziehung, nicht die Medizin, nicht die akademische Welt. Selbst unsere Spiritualität ist, wie wir gesehen haben, voll von Denkformen der Separation. 

Es ist ganz natürlich, auf die auseinanderfallende Welt defensiv zu reagieren und sich umso mehr an das alles zu klammern. Wenn Sie emotional darauf reagieren, dass ich mich über eine Ihrer heiligen Kühe abfällig äußerte, bedeutet das wahrscheinlich, dass ich damit etwas bedrohe, das mehr als nur eine Ansicht ist. Vielleicht sind Sie anderer Meinung als ich über die Wirksamkeit von Akupunktur oder die Authentizität von Kornkreisen. Ist es ein rein intellektueller Dissens, oder sind Sie ein klein wenig sauer? Welche emotional gefärbten Urteile begleiten diese Meinungsverschiedenheit? Dass ich einfach gestrickt und leichtgläubig sei? Dass ich keine Ahnung von Grundlagenwissenschaft habe? Dass ich es vermieden habe, Gegenbeweise zu prüfen, die mir mein Wunschdenken ruiniert hätten? Dass meine Ansichten unverschämt, verachtenswert oder peinlich seien? Rechtfertigen Sie ihre Verachtung mit Argumenten wie: “Diese Ansichten machen den Menschen falsche Hoffnungen und lenken sie von Lösungen ab, die vielleicht tatsächlich funktionieren würden”? Wenn das so ist, ist es wirklich das, was Sie so wütend macht, oder ist es etwas anderes?

Ich habe herausgefunden, dass, wenn ich emotional auf eine Idee reagiere, die meinen Ansichten widerspricht, es gewöhnlich deshalb ist, weil sie meine Geschichte von der Welt oder meine Geschichte vom Selbst bedroht und dadurch ein existentielles Unbehagen auslöst. Es fühlt sich wie eine gewaltsame Grenzüberschreitung an.


Chapter 16
Außerdem ist das Verständnis des Interbeing nicht einmal innerhalb der westlichen Zivilisation neu. Es stellt so etwas wie ein rezessives Gen in unserer Kultur dar, nie dominant, meist inaktiv, aber gelegentlich, in den goldenen Zeitaltern der Menschheit kommt es zu einer herrlichen, wenngleich immer nur partiellen, Expression. Trotzdem nenne ich sie eine neue Geschichte: weil sie nie zuvor Grundlage für eine ganze Zivilisation war. Sie steht in frischem Kontrast zu der Welt, die wir gewohnt sind, zur Separation, die im Geld, in der Schule, in der Religion, der Politik und allen anderen Erscheinungsformen des modernen Lebens verkörpert ist.

Ein allgemeines Interesse an indigener Spiritualität kann als die äußerste Form von Kulturmord kritisiert werden, wodurch die Geschichten, Rituale und heiligen Glaubensvorstellungen einer Kultur vereinnahmt und entwürdigt werden. Aber es erwächst auch aus einer allgemeinen Erkenntnis, dass die Indigenen ein wichtiges Wissen überliefern, das verloren ging, ein Wissen, für das wir im Westen endlich bereit sind, jetzt, wo unsere eigenen Rituale, Mythen und Institutionen zusammenbrechen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen